Snæfjallaströnd – Ófeigsfjörður

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Der erste Teil der Wanderung durch die Strandir- und Hornstrandir-Region in den Westfjorden von Island

Zunächst entlang Snæfjallaströnd ungehe ich den Drangajökull auf dessen Ostseite bis ich zur Nordküste am Ófeigsfjörður gelange.

 

Grunnavík

Etappe 0 / Prolog

Grunnavík “Pier”

An Land, das Boot fährt ab, ich bin alleine. Naja, nicht ganz so arg, ein paar Leute sind bei den Sommerhäuschen zu sehen. Als ich kurz darauf dort längs gehe ist aber niemand mehr zu sehen oder gar zu treffen.

In Ruhe jetzt startklar machen. Der Buff muss als Ohren-Sonnenschutz herhalten. Ist zwar sehr warm so, aber besser als Sonnenbrand. Für heute ist aber ohnehin nur ein sehr kurzes Stück geplant. Ansonsten müsste ich erst auf ein Hochplateau, danach wieder zur Küste, mindestens 4 Stunden wären das. Ist mir zu spät (und zu schwer) für den Auftakt.

Grunnavík

18:05, Start der Hornstrandir XL Tour! Erst zu den Sommerhäuschen, über einen Fluss mit Brücke, dann führt der Weg leicht bergauf und etwas von der Küste weg. Alles grün, mit gelben, blauen und weißen Auflockerungen. Und ein Supergeruch liegt in der Luft – unglaublich, was hier alles blüht! Hinter diesem grünen Bereich ragen dann die Berge schroff und steil bergauf. Statt grün nur noch Brauntöne. Ein paar kleine Flecken Schnee sind auch noch übrig.

nochmal Grunnavík

Morgen erwarte ich auch Schneefelder. Dann zweigt der Weg – Trampelpfad – deutlich zum Hochplateau ab. Da es nicht den Anschein macht (auch auf der Karte nicht), dass dort weiter oben noch ein Flüsschen kommt, entscheide ich, mir nun bereits einen Zeltplatz zu suchen (nach nur ca. 1 Stunde). Meine Knie sind soweit überhaupt kein Problem, das war doch eine gewisse Sorge. Ein Bergbach ist deutlich zu hören. Leider muss ich dafür wieder ein Stück zurück gehen. Ich finde einen guten Zeltplatz; eben und trocken, mit toller Blickrichtung zur Bucht. Kurz dahinter ist auch bereits der Bach. Wasser holen, Zeltaufbau, mittlerweile 20:00. Ausruhen, essen, ausruhen (das Essen ist mäßig, „Chili con Carne“ nennt es sich. Die „besseren Geschmäcker“ spare ich mir für die anstrengenden Tage auf). Ein sehr entspannter Abend hier oberhalb von Grunnavík. Im Hintergrund das Rauschen des Baches, sonst ist nichts zu hören. Grüne saftige Blumen-und Wiesenfelder. Meine Nase hat schon ein leichtes Heuschnupfen-Feeling, der Geruch ist fast so intensiv wie auf Grönlands Wiesen beim Arctic Circle Trail.

Längst 20:00 durch, mein Zelt liegt zwar im Schatten, bis zum Sonnenuntergang ist es aber noch sehr lange. Auf der gegenüberliegenden Seite des Fjords ebenfalls noch Schnee in höheren Lagen. Insgesamt: ein sehr guter Anfang. Macht richtig Spaß, aber morgen geht es dann „in echt“ los.

 

Grunnavík – Sandeyrarós

Etappe 1

Grunnavík, 24.7.

Aufstehen 6:50 und ganz gut geschlafen. Meine Nase ist leicht verstopft – liegt wohl an all dem blühenden Zeugs. Wetter weiterhin super-Sonnenschein. Ab 9:00 geht es los. Zurück auf den Pfad, beständiger Anstieg. Ich hätte wirklich etwas mehr Sonnencreme mitnehmen sollen! Wobei, dann hätte es sicherlich immer geregnet… Das beständig gute Sommerwetter wird den ganzen Tag anhalten.

Blick zurück: die Bucht Grunnavík und die Fjorde dahinter sind immer wieder zu sehen. Da es aber keine steile Abbruchkante gibt, ist die Sicht nie ganz unverstellt. Viele Steinwachten, der Weg ist gut zu finden. Auf der Hochebene auf ca. 450 m ist die Vegetation sehr karg. War kurz zuvor noch alles grün, gibt es hier nun nur noch Fels und Sand. Gegenüber des Fjords ist nun deutlich Ísafjörður zu sehen.

Bei meiner Aufgabe des Extra-Proviants nach Hesteyri gab’s in der TouristInfo noch ein Missverständnis, wie ich morgens wp_bd_Island2013_04_03_0117festgestellt habe. Auf meinem Belegzettel steht, dass die Lieferung für den 5.7. (statt des 5.8., heute ist bereits der 24.7.) vorgesehen ist. Wer weiß, wenn ein ganz schlaues Computersystem den Versand überwacht, bleibt mein Zeugs womöglich dort liegen. Daher Anruf in Ísafjörður, von hier habe ich sogar Empfang. Es dauert etwas, bis klar ist, dass das Paket für den falschen Tag adressiert ist, schließlich ist dann – hoffentlich – alles ok.

Noch ein Stück weiter auf der Hochebene, nun ganz leicht bergab. Eine Stelle mit mehreren kleinen Bächen, das ist hier ansonsten kaum zu finden. Ich hoffe, dass auch der folgende Abstieg so angenehm und gemächlich wird. Nun kann ich bis zum Ufer des Fjords sehen; ein altes Haus in Ufernähe. Ab jetzt geht’s aber deutlich steiler in Serpentinen bergab. Das erhöht die Kilometeranzahl deutlich! Der Weg verliert sich in einem kleinen Schneefeld, das zu queren ist. Danach weiter durch hohes Gras. Danach bin echt kaputt. Erst mal Pause. Die Hitze – auch weil ich den Buff als Sonnenschutz über den Ohren habe – setzt mir ziemlich zu.

Hitze im Zusammenhang mit Island und den Schneefeldern, über die ich gerade gegangen bin; das mag zunächst merkwürdig erscheinen. Bei weit über 20 kg auf dem Rücken und dem Gehen durch hohes Gras auf weichem Untergrund relativiert sich das aber. Bei der Pause schlafe ich fast ein.

Weiter zu dem alten Haus. Ein weißes Holzhaus – sogar ein oberes Stockwerk gibt es. Die Tür lässt sich öffnen. Ich gehe hinein; der Boden mit Plastikplanen oder ähnlichem bedeckt, vor mir eine nicht sehr zuverlässig aussehende Treppe, die nach oben führt. In zwei Nebenräumen Gerümpel und Müll. Rechts in eine Küche, zumindest sieht es so aus: Kochplatten, Lampen am Fenster. Das Beste an dem Haus ist der Ausblick auf den Fjord! Auf einer Anrichte liegt ein zusammen geschnürtes Bündel Zeitschriften. Etwas auf Isländisch und die Jahreszahl 1939.

Bis dahin war das Haus vielleicht noch bewohnt, aber wohl auch nicht viel länger. In den 1950‘ er Jahren haben die letzten Bauern die Hornstrandir-Region verlassen. Ein weiteres Zimmer bietet nur miefigen Geruch.

Ich schließe die Tür und setze meine Wanderung fort. Kurz darauf an einer Notfallhütte. Hier hat dieser Begriff aber eine doppelte Bedeutung. Aus der Ferne sah’s noch wie eine normale Notfallhütte aus. Beim Näherkommen wird aber deutlich: Die Hütte ist der Notfall! Eine Seite ist komplett aufgerissen, Türe offen… Das brauche ich mir nicht genauer anzuschauen. Ganz so witzig ist das aber nicht… Bei einem tatsächlichen Notfall würde diese Hütte bestenfalls etwas Windschutz bieten.

In der Nähe dann noch die Mauern eines weiteren Gebäudes. Ich tippe auf einen Stall. Mein angepeiltes Tagesziel bei Naustavik schaffe ich nicht ganz. Zunächst aber ein Fluss, dessen Querung mich über längere Zeit beschäftigt. Von einem Wasserfall kommend verläuft dieser nicht direkt zum Fjord sondern über längere Zeit parallel dazu. Also gehe ich längs des Flusses, immer in der Hoffnung eine einfache Stelle zum queren zu finden. Bis zur Mündung geht dies so. Auch hier zu tief, um trockenen Fußes hinüber zu gelangen. Also die erste Furt dieser Tour. Relativ einfach, kurz (ca. 8 m), knietief, normal kalt. Kurz danach ist bei Sandeyrarós Schluss für heute. Etwas oberhalb des Ufers baue ich mein Zelt auf. 20:00, endlich im Zelt! Weiterhin wolkenloser Himmel. Mir hat das Rucksackgewicht und die „isländische Hitze“ doch etwas zugesetzt. Kopfschmerzen, die auch in den nächsten Stunden kaum nachlassen.

 

Sandeyrarós – Kaldalón

Etappe 2

Sandeyrarós / Snæfjallaströnd, 25.7.

Aufstehen 7:00, immer noch etwas Kopfschmerzen und müde. Die Sonne scheint wieder voll aufs Zelt. Es wird wieder ein heißer Tag. Auf der anderen Seite des Fjords eine kleine Wolke in nur ca. 100 m Höhe.

Aufbruch kurz nach 9:00. Heute gibt es keine größeren Auf- oder Abstiege, immer längs der Küste. Da der Weg aber trotzdem nicht immer ganz klar ist, gibt‘s auch etwas „Wegeloses“. Das Gehen im hohen Gras über buckligen Untergrund ist immer sehr anstrengend. Teils führt der Weg direkt am Ufer entlang.

Sogar hier noch kleine Wasserfälle. Dann wieder sattes Grün überall mit Blumenwiesen. Die Wasserfälle nun an der im Land liegenden Abbruchkante. Vereinzelte Schneefelder, kleinere Schneefelder sogar bis zum Ufer. Die Flüsse und Bäche – unzählige, fast alle 50 m kommt das Wasser hinunter – sind meist einfach zu queren. Dann ein reißender Gebirgsbach. Zum Glück ist dieser überbrückt! Und wieder ein Zusammenspiel von mehreren Wasserfällen, die neben-und untereinander hinunter stürzen.

wp_bd_Island2013_05_04_0189Das „Wölkchen“ auf der anwp_bd_Island2013_05_05_0191deren Fjordseite hat sich nun entwickelt. Sowohl höher als auch länger zieht es stetig in den Ísafjarðardjúp hinein. Von weitem kündigt sich nun der nächste Wasserfall an. Nicht durch besonderen Lärm, sondern durch eine Gischtwolke, die hinter den Felsen hervor kommt. Bis dorthin noch, dann ist „offizielle“ Mittagspause. Viele kleine Pausen habe ich aber bereits gemacht. Der Rucksack ist zu schwer, um schnell durchzugehen. Essen für 15 Tage ist doch eine ganze Menge! Pause also am mächtigsten der Wasserfälle längs Snæfjallaströnd, dröhnend kommt der Wasserfall herunter, eine Schneemauer verdeckt ihn teilweise, darunter kommen viele kleine und größere Bäche hervor.

Die Wolke gegenüber verdeckt mittlerweile sogar die Berge. Dann längs der Insel Æðey, dort steht anscheinend sogar ein Häuschen. Am Strand nun einTeppich von weißen Blumen. Sah erst wie ein Schneefeld aus.

Der Weg ist mal gut zu erkennen, dann aber immer wieder durch kleine Bäche unterbrochen. Nun verschwindet der Weg wieder im hohen Gras. Schließlich eine Pferdekoppel und kurz danach ein Haus, auch eine kleine Kirche. Dies ist Unaðsdalur, Anfang bzw. Ende der Piste 635 (nicht asphaltiert, nur Schotterpiste).

Bei der Kirche – die leider geschlossen ist – Pause.

Ab jetzt also Straßengehen. Das bedeutet zwar schnelles Vorankommen, andererseits ist dies meist nicht so schön. Kurz hinter der Kirche das Haus Dalbær. Ein Schild verkündet „Kaffi/Kaka“. Sollte es dort tatsächlich Kaffee geben? Ja! Es sind noch 3 deutsche Gäste dort, die aber gerade aufbrechen. Ich nehme Kaffee und eine Waffel. Die Waffel ist sehr groß und schmeckt nach fast nichts, etwas salzig. Egal, etwas Sahne und Marmelade drauf, dann geht das schon. Später erfahre ich von einem anderen Gast (Isländer, spricht aber auch Deutsch, anscheinend auch bei der Bergrettung beschäftigt), dass einige Fjorde sehr gezeitenabhängig seien, die entsprechenden Wege eventuell schwierig oder nicht machbar sind. Speziell der Lónafjörður oder Veiðileysufjörður – weiß nicht mehr welcher (da hätte ich mal noch genauer nachfragen sollen, wie sich später heraus stellen wird…).

Gegen 16:30 wieder auf der Piste. Wieder schnelleres Vorankommen, aber die Füße sind nun deutlich zu spüren. Nach ca. 4 km in die Lagune Kaldalón. Teilweise niedriges Wasser – Watt. Direkt hinübergehen wäre aber wohl unmöglich. Kurz danach der erste Blick auf den Drangajökull. Strahlendes Weiß am Ende der Lagune landeinwärts. Jetzt ist auch eine kleine Wolke in den Kaldalón gezogen. Aber insgesamt weiterhin Sonnenschein. Mehrere kurze Stopps, um die Füße zu entspannen. Von meinem letzten Zeltplatz bin ich bereits 19 km entfernt – Luftlinie. Heute wird es also eine recht lange Strecke.

Eine Brücke über mehrere Gletscherflüsse. Kurz dahinter biege ich von der 635 ab. Eine weitere Schotterpiste, die Richtung Gletscher führt. Unklar, wofür ein solcher Weg benötigt wird. Nun suche ich nach einem guten Platz etwas abseits der Piste. Nach ca. 1,5 km ist ein guter, ebener Platz gefunden. Direkt hinter einem Hügel, vom Hügel schöner Blick bis zum Gletscher. Kurz nach 20:00, das Zelt steht, die Sonne scheint immer noch. Tee, danach Essen. Gegen 21:00 verschwindet die Sonne hinter den Bergen. Das Zelt ist im Schatten und direkt wird es deutlich kühler bei aber immer noch blauem Himmel.

Gegen 22:00 raus, auch um noch ein paar Fotos vom Gletscher zu machen. Alles in Wolken und Nebel! Innerhalb der letzten Stunde hat sich alles zugezogen. Wolken auf ca. 100-200 m Höhe. Sicht nur noch ca. 300 m ich gehe noch auf den Hügel. Der Gletscher ist kaum noch zu sehen. Schon etwas enttäuschend.

Unklar ob dies eine Wolkenbank ist, die eventuell nur lokal ist oder ein allgemeiner Wetterumschwung. In Dalbær hatte ich erfahren, dass das Wetter zunächst (2-3 Tage) gut bleibt. Nebel und Wolken werden später noch dichter, die Wolken hängen auf (geschätzt) nur noch ca. 50-100 m.

Bin kaputt, aber insgesamt ok. Hoffentlich sind ihm Wolken morgen weg! Und die kleine unscheinbare Wolke von heute früh hat mich also doch noch eingeholt …

 

Kaldalón – Skjaldfannardalur

Etappe 3

Kaldalón, 26.7.

Aufstehen heute erst um 7:15. Es dürfte heute wohl eine kürzere Etappe als gestern werden, da waren es deutlich über 20 km. Das Zelt ist noch im Schatten. Was den Nebel betrifft, werde ich erst nach dem Frühstück heraus schauen. 8:45, bereit zum Packen. Schnell noch einen Bluterguss (oder ist’s eher eine Blase?) an der linken Ferse behandeln. Der Nebel hat sich nun fast vollständig gelichtet!

Fast blauer Himmel und Sonnenschein – im Zelt ist es nun schon zu heiß. Im Fjord bzw. Kaldalón scheint die Nebelwolke aber noch zu hängen. Beim Abmarsch ist auch diese verschwunden. Sonne, ein paar Schleierwolken, so dass die Sonne nicht ganz so intensiv ist. Recht gut gelaunt breche ich auf. Die 1,5 km bis zur 635 zurück abzukürzen, geht aber nicht. Viel zu sumpfig ist es abseits der Piste. Also Schotterpiste, dann weiter Schotterpiste auf der 635. Ein paar Autos sind auch unterwegs. Gute Sicht zum Gletscher.

Sigvaldi Kaldalóns

Siggi

Fast bis zum Ende des Kaldalón hab‘ ich es geschafft. Dort ist ein Gedenkstein für Sigvaldi Kaldalóns – der Komponist von „Á Sprengisandi“ hat lange in dieser Gegend gelebt. Er hat die gleiche Brille wie ich – oder ist das ein Foto von mir? Sieht fast so aus…

Weiter gen Süden auf der 635. Mittlerweile macht dies keinerlei Spaß mehr. Heiß, Füße tun weh, langweiliger Weg, ich bin kaputt. Als ich endlich die 635 verlassen kann bin ich daher erst froh. Die Piste längs der Selá, die ich nun gen Osten nehme, ist aber noch unangenehmer zu gehen. Erst mal Pause. Weiter, die Sonne ist wieder voll da, die Gegend aber eher unspektakulär. Wird eine Landschaft durch Straßen und Wege erst hässlich (bzw. nicht so schön) oder werden Straßen gerade in solchen Gegenden gebaut? (weil‘s dort möglich ist) Man weiß es nicht…

Skjaldfannardalur

An einem Sommerhäuschen vorbei, kommt schließlich der Hof Skjaldfönn in Sicht. Da ich dem Bauern nicht mitten durch den Hof und die Gebäude laufen möchte, steige ich lieber über einige Zäune. Hier sollte eigentlich ein Pfad ins Skjaldfannardalur beginnen. Ich mache die zweite Pause. Schuhe aus, die Füße brennen. Dann eine sehr unangenehme Überraschung. An der Ferse links hat sich ein weiterer großer Bluterguss gesammelt. Oder kommt dies durch meine Behandlung von heute früh? Sieht nicht gut aus, obwohl es noch auszuhalten ist. Dann weiter. Ich gehe ca. 50 m oberhalb des Talgrunds. Unten sind Felder, die gerade bewirtschaftet werden. Ein Weg ist weiterhin nicht zu finden. Durch hohes Gebüsch geht es extrem langsam voran. Ich sehe gar nicht wohin ich trete, entsprechend vorsichtig bin ich. Vereinzelte Steinwachten. Diese nehme ich als Ziel – teilweise ist dort ein Trampelpfad auszumachen, der dann aber sofort in den Büschen verschwindet. Sehr anstrengend. Das ist echt nicht mein Tag. Erst die blöde Schotterpiste, jetzt gar kein Weg – nur Büsche und zudem der Bluterguss. Sobald möglich, werde ich einen Zeltplatz suchen. Das Tal wird in der Ferne enger, dann sollte der Pfad auch zu finden sein – falls es den denn gibt. Dann ein kurzes Stück „echter“ Weg, anscheinend Teil einer wenig genutzten Jeep-Piste. Hätte ich dieser schon von Anfang an folgen können? Egal, nach nur ca. 100 m endet dieser Weg auch schon im breiten Fluss Selá.

Ich quere noch einen Bach, der von einem Dreier-Wasserfall am Talabhang gespeist wird. Kurz danach genügend ebene, grasige Fläche für das Zelt. Direkt an der Selá, kurz hinter Einmündung der Seljá (dieser Fluss mit einem „J“, die Namensbezeichnungen machen mich beim Schreiben schon etwas wirr…) ist mein Zeltplatz für heute.

Noch nicht einmal 17:00, aber ich habe mehr als genug. Zeltaufbau, dann ruhe ich mich in der Apsis des Zelts aus. Endlich mal Schatten! Danach Ausruhen im Zelt. Mein Schuh links macht mir auch leichte Sorgen. Die Gummierung vorne löst sich etwas. Mit Sekundenkleber versuche ich, dies zu reparieren. Hoffentlich langt es noch für die nächsten knapp 2 Wochen. Wäre gerne noch etwas durch die Gegend spaziert – da die Wanderschuhe aber auch Ruhe brauchen entfällt dies. Den Bluterguss an der linken Ferse werde ich erst mal nicht behandeln. So lange es nicht stärker schmerzt, sollte das gehen. Mittlerweile 20:00, das Zelt ist längst im Schatten und es wird angenehm kühl.

Mein Plan war, bis heute die 54-Kilometer-Marke zu erreichen. Ich bin ziemlich genau bei 54 km. Also doch im Plan, auch wenn dies kein so guter Tag war. Die Ferse links und auch mein linker Schuh sind derzeit die Hauptprobleme. Und mein Oberarm (auch links) ist angeschwollen – komische Linkslastigkeit heute.

 

Skjaldfannardalur – östlich des Drangajökull

Etappe 4

Skjaldfannardalur, 27.7.

Aufstehen 6:30, ganz gut geschlafen. Sonne scheint schon! Packen, im Zelt ist es schon sehr heiß. Aufbruch gegen 9:00, zuvor noch den Wasserfall hinter dem Zelt fotografiert. Ich hoffe auf einen besseren Weg als gestern. Sieht zunächst auch danach aus.

Zwar weglos, aber nur kleine Büsche, manchmal etwas sumpfig. Noch ein Wasserfall, dann wieder durch hohes Gebüsch – bei der Hitze ist das sehr anstrengend. Eine Miniwetterstation am Fluss bietet ganz wenig Schatten. Im Fluss Selá 2 Enten, die tapfer gegen die Strömung ankämpfen und an dieser Stelle immer wieder wp_bd_Island2013_07_04_0284tauchen. Und noch ein Wasserfall – diesmal direkt längs des Weges. Schließlich teilt sich der Fluss am Zusammenfluss von Selá und Austurgil. Ich habe hier ja keine Wahl und gehe wie geplant längs der Selá weiter. Diese ist hier ein reißender Bergfluss – queren unmöglich. Es geht nun auch erstmals spürbar bergauf.

Schneefelder längs des Flusses sind schon in Sicht, dahinter der Gletscher. Nun längs eines Flüsschens (mit dem wenig eindeutigen Namen Jökulsá …) noch mehr bergauf. Eigentlich habe ich mir diesen Weg einfacher vorgestellt. Insbesondere, dass ein Weg erkennbar ist. Eine erste Steinwacht, danach verliert sich der Weg. Nun bin ich in einem Geröllfeld – teils schwierig zu gehen. Nun sollte eigentlich der Fluss Þversá in die Selá münden. So direkt ist dies nicht zu erkennen, da vieles durch Schneefelder verborgen ist.

Ich steige weiter bergauf, nur um dann zu sehen, dass der geplante Weg Richtung Ost nicht möglich ist! Ein Gletscherfluss versperrt den Weg – sieht auch nicht einfach querbar aus.

Ich bin nun fast am Drangajökull bzw. den Schneefeldern, die dann zum „echten“ Gletscher führen. Der Fluss verschwindet unter diesen Schneefeldern. Einiges ist darüber schon zusammen gebrochen. Ich werde den Weg übers Schneefeld nehmen und im weiten Bogen oberhalb der Bruchstellen Richtung Ost fortsetzen.

Mittlerweile ist es hier richtig windig und kalt geworden – trotz starken Sonnenscheins. Jacke und Handschuhe an – den Buff ganz übers Gesicht gezogen und nun mit Sonnenbrille. So mache ich mich auf. Eigentlich komme ich auf Schneefeldern ganz flott voran. Durch das ständige leichte Einsinken ist aber doch ziemlich anstrengend. Ausruhen, als wieder eine „Stein-Insel“ erreicht ist. Ich bin nun auf ca. 500 m, hier sind nur noch Schneefelder (bzw. Gletscher) und Fels & Sand. Praktisch keine Vegetation mehr. Ich orientiere mich längs meines geplanten Kurses Richtung Ost. Immer wieder Schneefelder, dann ein Stück über Stein. Teilweise Blick zurück bis zum Ísafjarðardjúp in der Ferne.

Mein geplantes Tagesziel werde ich nicht erreichen. Bei einem derartigen Weg ist das für mich aber nicht möglich. Bereits der Teil längs der Selá bis zum ersten Schneefeld hat mich mindestens doppelt so viel Zeit gekostet wie angenommen.

Ich peile nun einen kleinen namenlosen See an. Das GPS zeigt nur noch 500 m Luftlinie an. Direkt zu erkennen ist der See nicht, denn Teile davon sind noch von Schnee bedeckt. Auch um den See nur Stein und Geröll. Ich suche eine halbwegs ebene Stelle, auf der nur kleinere Steine liegen. Dies soll mein Zeltplatz sein. Um ca. 18:30 beende ich die Tour für heute, bis das Zelt steht, vergeht aber noch fast eine Stunde.

Tee, Essen, Ausruhen. Erstaunlicherweise bin ich nicht so kaputt wie gestern nach dem Straßengehen. Und der Bluterguss an der Ferse hat sich aufgelöst! Später noch kleiner Rundgang und ein paar Fotos. Wetter sieht sehr gut aus – sollte auch morgen ein sonniger Tag werden. Bei schlechtem Wetter, schlechter Sicht wäre die heutige Etappe für mich nicht machbar gewesen. Insgesamt liege ich nur leicht hinter dem Plan zurück – aber noch kein Grund zur Eile. Das ist noch aufholbar bzw. kann gekürzt werden.

 

östlich des Drangajökull – Ófeigsfjörður

Etappe 5

östlich des Drangajökull (66° 03′ / 22° 06′), 28.7.

Aufstehen kurz vor 7:00. Sonne scheint schon bei leichtem Wind. Kaffee und Müsli, bin noch ziemlich schlapp. Eigentlich möchte ich heute bis zum Eyvindarfjörður kommen, wegen des Rückstands wäre es aber schon ok, bis in Sichtweite des Fjords zu gelangen. 8:30, beim Aufbruch. Sonnig, aber deutlich mehr Wolken als gestern. Jedoch sieht es nicht nach schlechtem Wetter aus.

wp_bd_Island2013_08_01_0342Start gegen 9:15. Ich umgehe den kleinen See, an dem ich gezeltet habe, indem ich über ein Schneefeld erst in nördliche, dann östliche Richtung gehe. Die Orientierung ist hier (und auch den ganzen Tag) recht schwierig. Flüsse und Seen sind wegen der Schneefelder nicht vollständig zu erkennen. Zudem sind viele gar nicht auf der Karte eingezeichnet (weder Papier noch Digital). Auch heute bin ich wieder in „Vollvermummung“ mit Buff, Sonnenbrille und Handschuhen unterwegs. Zwar ist die Sonne deutlich gedämpft (viele Schleierwolken), da ich meist auf Schneefeldern unterwegs bin, ist dies aber notwendig.

Ein Wechsel von Schneefeld, dann Stein-und Geröllfeld und kurzen Pausen, um die Richtung zu bwp_bd_Island2013_08_02_0350estimmen. Unangenehm wäre ein Fluss, der nicht querbar und nur durch weiten Umweg Richtung Gletscher zu umgehen ist. Weiterhin vegetationslos. Auf einer Anhöhe längs eines Sees dann große Moosteppiche. Auch das Gestein schaut hier deutlich anders aus – sieht eher vulkanisch aus. Ein kleiner Vogel ist hier unterwegs.

Eine größere Flussquerung ist laut Karte zu erwarten. Der erste Mini-Fluss hat aber nur 2 m Breite, ist 20 cm tief. Ist dies die „befürchtete“ Querung. Unklar, von der Strichdicke auf der Karte könnte es alles Mögliche bedeuten…

Mittlerweile schon deutlich nach 13:00 – irgendwann esse ich auch mein PowerBar als Hauptmahlzeit. Ich folge meiner geplanten Route nicht exakt; grob folge ich einer Linie auf dem Breitengrad 66° 04‘ Richtung Neðdra-Hvalárvatn – einer der wenigen Seen mit einem Namen.

Dann doch ein echter Fluss! Am Ufer noch niedrig, weiter dann aber teils mit recht starker Strömung. Zudem ist anzumerken, dass im Fluss auch Steine verschiedenster Größe liegen. Von daher ist Trittsicherheit gefragt. Ich beschließe, in Wanderschuhen zu queren. Nur Socken aus und Regenhose drüber – vielleicht hilft das etwas. Los geht‘s! Die ersten Schritte im tieferen Wasser gehen gut, dann kommt doch Wasser in die Schuhe. Egal, wegen der guten Standfestigkeit komme ich ohne Schwierigkeiten rüber.

Erst mal Stiefel entleeren. Wieder Socken an und weiter geht‘s. Natürlich sind die Stiefel nun total nass. Ich kann nur hoffen, heute oder morgen einen Zeltplatz mit Sonne zu haben. Ansonsten trocknet da wenig.

Im Osten taucht nun ein markanter Berg auf. Der dürfte schon in Küstennähe sein. Eignet sich gut, um die Richtung festzulegen. Noch ein Stopp, wieder Socken ausziehen und auswringen. Von der Maximalhöhe (knapp 600 m) bin ich nun auf ca. 500 m hinunter. Dies aber immer wellenartig: Hügel runter und den nächsten wieder hinauf. Und noch ein Fluss. Auch hier gehe ich mit den Stiefeln durch. Dies ist zwar relativ einfach; jedoch sind die Schuhe nun wieder genau so nass wie nach der ersten Querung.

Die Landschaft ist ziemlich spektakulär. Hinter und westlich von mir nur Stein- und Schneefelder. Vor mir und östlich Flüsse, Seen, weniger Schneefelder, in der Entfernung schon die Andeutung einer Schlucht. Der Neðdra-Hvalárvatn ist geschafft und ich bin auf meiner geplanten Route. Der Hvalá direkt zu folgen ist nicht möglich. Diese hat sich eine tiefe Schlucht gegraben.

Auf ca. 250 m gehe ich aber oberhalb – weiterhin vereinzelte Schneefelder. Der markante Berg rückt näher. Auf der M+M-Karte kann ich den Berg nicht ausmachen, überhaupt ist die Topographie etwas merkwürdig. Ist es ein See, Verbreiterung des Flusses, oder schon ein Fjord, den ich unterhalb des Berges sehe? Weiter entlang der Hvalárgljúfur. Schließlich ist es klar: Dies ist bereits der Ófeigsfjörður – kein Fluss oder See.

Der Berg – auch noch vom Ingólfsfjörður östlich abgeschnitten – ist auf der M+M-Karte nicht enthalten, da er nicht zum Kartengebiet gehört! (Östlich von Länge 21° 35‘) Laut GPS-Karte ist er ca. 600 m hoch, eine Bezeichnung gibt die Karte aber nicht..

Die Auflösung war dann erst zu Hause möglich: Es ist der Kálfatindar (646 m), der zum auf einer Halbinsel gelegenen Krossnesfjall gehört.

Ein paar tolle Fotos vom Fjord. Dann orientiere mich aber in nord-westlicher Richtung und bin bereits auf Ausschau nach einem Zeltplatz. Zeit ist es, dürfte schon 20:00 durch sein. Gar nicht so einfach. Auch hier weiterhin auf und ab. Manchmal ebene Flächen, grasig und toller Ausblick, dann aber kein Wasser.

Schließlich finde ich einen tröpfelnden Bach, ca. 3 Minuten entfernt auch eine vermeintlich ebene Fläche. Aber auch hier teils steinig, sandig. Es dauert fast eine Stunde bis das Zelt steht und eingeräumt ist. Mittlerweile fast 22:00. Von meinem Platz sehe ich direkt auf den Ófeigsfjörður und den Kálfatindar, darunter die tosende Hvalá. Tee und Essen, fürs Schreiben fehlt mir die Lust. Großartiger Tag. Ich bin nur ca. 5 km hinter meinem „offiziellen“ Planziel am Eyvindarfjörður entfernt, das sieht gut aus. Hoffentlich bleibt das Wetter so gut! Meiner Ferse geht’s auch gut. Heute mache ich erst gegen Mitternacht Schluss.

 

Intro Teil 2